TRANSNISTRIEN – Im Land, das es nicht gibt

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Wachhäuschen, Soldaten in antiken russischen Uniformen und ein Panzer zur Begrüßung- die Grenze von Transnistrien ist endlich erreicht! Der Grenzbeamte schaut abwechselnd grimmig auf uns und dann wieder auf den deutschen Personalausweis meiner Freundin. Ohne Reisepass keine Chance auf Einreise. Auf die vorsichtige Andeutung hin, dass ein deutscher Personalausweis ja meist in Europa ausreiche, folgt ein finsterer Blick und ein russisch gefärbtes scharfes „This is not Eurrrrope. This is Transnistria!“

Ein „Land“ in Europa mit Parlament, eigener Aussenministerin und eigener Währung

Transnistrien im Osten Moldawiens würde gerne ein eigenes Land sein und wenn nicht das, zumindest wieder zum großen Bruder Russland gehören. Und da niemand Transnistrien als eigenen Staat anerkennt, tut Transnistrien einfach als wäre er einer. Es gibt ein eigenes Parlament, eine eigene Außenministerin, eine eigene Währung. Und natürlich eine richtige Grenze mit sehr engagierten Grenzbeamten.

IMG_9538Als letzten Versuch rufen wir unseren Guide an, bei dem wir eine Tour in der nahen Stadt Tiraspol gebucht haben. Am Handy werden ein paar Worte auf russisch ausgetauscht, dann entspannt sich die Situation. Wir dürfen plötzlich trotz Personalausweis nach Transnistrien einreisen. Allerdings nur wir, unser Auto disqualifiziert sich aufgrund seines rumänischen Kennzeichens. „Moldavian car ok, Rumanian car no.“ Warum auch immer. So lassen wir das Auto am Grenzübergang stehen und warten auf unseren Guide, der uns auf transnistrischer Seite in Empfang nimmt.

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Hinter der Grenze wird Russisch gesprochen

In Transnistrien lebt die russisch sprachige Minderheit Moldawiens. Nachfahren von Russen, die einmal aus dem Herzen der Sowjetunion als Experten hierher entsandt oder in früheren Jahrhunderten angesiedelt wurden. In Moldawien herrscht ein ähnlicher Konflikt wie in der benachbarten Ukraine.

Hinter der Grenze wechseln die Buchstaben von Lateinisch zu Kyrillisch. Es wird Russisch gesprochen. Das Land ist so schmal, dass am Horizont bereits ukrainische Industrieanlagen zu sehen sind.

Zeitmaschine zurück in die Sowjetunion

Wir haben uns Transnistrien irgendwie als ein noch ärmeres Moldawien vorgestellt. Aber die Hauptstadt Tiraspol ist überraschend aufgeräumt und extrem sauber. Die großen Paradestraßen, sterilen Plattenbauten und Propagandaplakate wirken wie aus einem alten sowjetischen Film.

Sowieso wirkt alles surreal, vom Grenzer in einer Uniform wie aus einem Kalter-Krieg-Museum bis hin zum transnistrischen Spielgeld in unseren Portemonaies.

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Während im übrigen Osteuropa Büsten und Denkmäler schnell und leise aus dem Stadtbild entfernt wurden, blicken Lenin und Stalin hier noch stolz auf die sozialistische transnistrische Gemeinschaft herab. Über allem weht die Fahne Transnistriens – mit gekreuztem Hammer und Sichel.

Ein Pass, für den sich niemand ausserhalb Transnistriens interessiert

Andrey hat Deutsch und Englisch an der Universität Tiraspol studiert und bietet Touren durch sein kleines Land an. Nachdem wir moldawische Lei in transnistrische Rubel getauscht haben, gibt es erstmal einen transnistrischen Burger an der Imbissbude. Danach bekommen wir allerlei „Sehenswürdigkeiten“ gezeigt wie den größten Berg Transnistriens (ein gerade mal 100m hoher Hügel) und eine Fähre über den Fluss. Auf einer zukünftigen Tour soll es einen Badesee zu sehen geben und ein Warmwasserkraftwerk. Transnistrien scheint an echten Sehenswürdigkeiten so reich zu sein wie Bielefeld.

Aber wir können Andrey die ganze Zeit mit unseren Fragen löchern wie es so ist in einem nicht existenten Land zu leben. Stolz zeigt er uns seinen transnistrischen Pass, der schon im Nachbarland nicht mehr wert ist als der Ausweis, mit dem ich als kleines Kind „DDR-Grenzübergang“ gespielt habe.

Wenn Transnistrier ihr Land verlassen, nutzen sie übrigens ihren moldawischen oder ukrainischen Pass.
Wir bewundern also die transnistrische Fähre und schiessen Ausblicksfotos vom höchsten „Berg“ – von Schornsteinen in der nahen Ukraine.

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Vom Erfinder der Gasmaske und transnistrischem Riesling

Am Panzerdenkmal in Tiraspol treffen wir den einzigen Touristen außer uns weit und breit. Einen schwulen älteren Spanier. Ebenso interessant wie ungewöhnliche Reiseziele selber,  sind doch auch immer die Touristen und ihre Reisemotive. Was ihn genau nach Transnistrien verschlagen hat, finden wir leider in der kurzen Zeit unserer Tour nicht heraus. Zusammen besuchen wir noch das Denkmal des Erfinders der Gasmaske, der Transnistrier war. Anschließend kaufen wir noch eine Flasche transnistrischen Riesling. Dann geht es zurück zur Grenze zu unserem Mietauto mit rumänischem Kennzeichen.

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Transnistrien lohnt sich weniger für seine „Sehenswürdigkeiten“ als für das original sowjetische Feeling. Wir können einen Ausflug in das Land, das es nicht gibt, definitiv weiterempfehlen! Aber lieber mit moldawischem Mietauto und internationalem Reisepass! Weniger zu empfehlen ist hingegen der transnistrische Riesling.😜

Touren bei Andrey könnt Ihr hier  buchen. Hätten wir mehr Zeit gehabt, hätten wir ausserdem den transnistrischen Kochkurs bei Andreys Frau gebucht. Auch Homestays auf dem Land organisiert Andrey für Euch.

1 Kommentar zu „TRANSNISTRIEN – Im Land, das es nicht gibt

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